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Monsieur Millau sagt Adieu ...

Er hat die Partnerschaft zu Millau geprägt wie kein anderer, unter seinen Fittichen mauserte sich die Städteverbindung zu einer pulsierenden Beziehung. Unzählige Schüler und Erwachsene haben dank seiner Vermittlung die französische Lebensart kennengelernt. Nach fast 40 Jahren geht Monsieur Millau Friedrich Wilhelm Schulte in den Ruhestand und wird seinen Lebensabend an der Bucht von Arcachon an der Atlantikküste verbringen.

  

Millau ist für den 65-Jährigen zur zweiten Heimat geworden. Und so kommt es ganz spontan, scheint so einfach und auch selbstverständlich, wenn er sagt: „Die Partnerschaft ist meins, da steckt mein ganzes Herzblut drin." Dabei war der Anfang wenig verheißend.1979 war es, als der damals 27-Jährige das erste Mal die südfranzösische Partnerstadt kennenlernte. Drei Monate zuvor hatte er an der Realschule Aspe als Schwangerschaftsvertretung begonnen und sollte Ostern den ersten Austausch begleiten. „Kalt war es", erinnert er sich, „nass, keine Blätter an den Bäumen, und ich war krank." Kurzum, der erste Eindruck der Partnerstadt war wenig einnehmend. Doch bald sollte er eines Besseren belehrt werden.

  

Die Realschule verlegte den Austausch in den Spätsommer, und schnell zogen Stadt und Bewohner den frankophilen Schulte in ihren Bann. Allein über 1200 Asper Realschüler hat er seitdem in das Städtchen begleitet, Kontakte geknüpft und Freundschaften geschlossen, die sein Leben bereichern. Und wer einmal mit ihm durch die Gassen des südfranzösischen Städtchens gegangen ist, der ahnt, wie tief die Bindungen sind, die ihn hier halten. „Salut", „Bonjour", Küsschen, Küsschen – jeder scheint ihn zu kennen und zu mögen, in Millau ist Friedrich Wilhelm Schule das Gesicht der Partnerstadt.

  

Wenn der Lehrer für Französisch und Geschichte von den vergangenen Jahren berichtet, dann ist ihm die Begeisterung anzumerken, sind es vor allem die persönlichen Kontakte, die ihn bewegen. Die Geschichte der querschnittsgelähmten Kati, die in Bad Salzuflen nach Hilfe suchte, der Millauer Feuerwehrmann, der dem Busfahrer spontan Unterkunft anbot und ihn noch heute im Altersheim besucht, die vielen guten Gespräche am heimischen Tisch, der Kartenverkauf für den 15-jährigen Philip, der an Leukämie erkankt war, die intensiven Beziehungen, aus der nicht nur Ehen, sondern auch Kinder erwuchsen, die Auftritte der renommierten Tanzgruppe von Silva Ricard. „Ich habe viel gegeben, aber so viel mehr dafür bekommen", sagt der gebürtige Lippstädter rückblickend, der Einsatz habe sich mehr als gelohnt.

   

Unermüdlich war er aktiv, um für Realschüler, Gymnasiasten, Gesamtschüler, Praktikanten und Besucher passende Unterkünfte zu suchen. Beharrlich und mit Überzeugungskraft. „Natürlich ist das auch ein Klinkenputzen", sagt er – und wenn schon, das habe er gerne für andere gemacht.

   

Viel hat er geleistet und viel wird er hinterlassen, wenn im September der Umzugswagen Richtung Atlantikküste rollt. Mit Ehefrau Carole, einer Französin, wird er dann in der Nähe der Tochter wohnen. Kein leichter Abschied, und doch weiß Friedrich Wilhelm Schulte sein Millau-Erbe in guten Händen. „So viele Menschen haben in der Vergangenheit mitgeholfen – die Lehrer, die Gastfamilien und natürlich auch der Förderverein. Ihnen allen will ich danken", sagt er sichtlich gerührt und ist sich sicher: „In Lippe ist keine andere Städtepartnerschaft auf so breite Füße gestellt."

   

Doch auch der nimmermüde Helpuper weiß, dass die Zeiten schwerer werden. Immer weniger Jugendliche trauten es sich mit 14 Jahren zu, bei Gastfamilien zu wohnen. Aber er wäre nicht Friedrich Wilhelm Schulte, wenn ihn das verunsichern würde: Um so wichtiger ist es ihm, die Schüler früh vorzubereiten und ihnen eines mitzugeben: „Dort ist es anders. Und das ist gut so, denn sonst bräuchtet ihr nicht hinzufahren."

  

Aus der zweiten Wahl wurde eine große Liebesbeziehung

1300 Kilometer liegen zwischen Bad Salzuflen und dem südfranzösischen Millau. Die Partnerschaft zwischen den Städten geht auf die Initiatoren Wilhelm Haun und Louis Laurens zurück. Eigentlich hatte Millau schon mit dem norddeutschen Buxtehude geliebäugelt, und Bad Salzuflen Vichy im Visier. Doch die französische Kurstadt war schon vergeben. Als Louis Laurens dann 1971 beruflich in Bad Salzuflen Station machte, warb er für sein Heimatstädtchen (22.000 Einwohner), und den Bad Salzuflern kam das Angebot gerade recht.

  

Schon wenige Wochen später reisten die ersten Franzosen an. 1975 wurde die Partnerschaft offiziell begründet. Seitdem kümmert sich auch ein Partnerschafts- oder Förderverein um die Beziehung. Lange Jahre war Friedrich Wilhelm Schulte auch hier der Motor, bevor Martin Brehm – tatkräftig unterstützt von Ansgar Koch – seine Nachfolge antrat. Mittlerweile sind auch Vereine und Institutionen aktiv dabei. Zum 40. Geburtstag der Partnerschaft 2015 reiste eine 60-köpfige Delegation aus Salzuflen an die Tarn. Mehrere Tage wurde dort gefeiert, und auch ein Kreisverkehr nach den Gründungsvätern Louis Laurens und Wilhelm Haun benannt. Friedrich Wilhelm Schule und Ansgar Koch wurden mit der Ehrenmedaille der Stadt Millau ausgezeichnet.

 

Link zum LZ-Artikel: https://www.lz.de/lippe/bad_salzuflen/21846801_Monsieur-Millau-sagt-Adieu.html

Quelle:  Lippische Zeitung vom 08. Juli 2017